Blutige Wäschestücke aus KoLaFu – Gesa Schneider starb am 4. August
Unsere Genossin Gesa Schneider wäre im November 90 Jahre alt geworden. Wir alle kannten sie als lebensfrohen, optimistischen Menschen, nur einmal sah ich sie weinen, als sie erzählte: „Ich durfte ins Untersuchungsgefängnis, um Wäsche für meinen Vater abzugeben, da wurde mir dort ein Paket mit blutverkrusteter Wäsche in die Hand gedrückt…“
Aufgewachsen im Arbeiterviertel in Barmbeck half sie schon als Zwölfjährige dem Vater, Verwundete der Straßenkämpfe gegen die SA zu versorgen. Alle Verwandten, besonders die Großeltern, waren aktiv in der SPD, einige in der KPD. Der Onkel, Adolf Holm, war Parteisekretär der SPD.
1933 wurde ihr Vater das erste Mal verhaftet, kam nach Schlägen und schweren Verhören frei. Er verlor seine Arbeit, die Familie geriet in große Armut. 1934 wurde der Vater wiederum verhaftet, und auch die Großeltern. Gesas Mutter war zur Entbindung im Krankenhaus. Gesa, allein mit ihren acht jüngeren Geschwistern, ging Tag um Tag abwechselnd mit der nächstjüngeren Schwester zur Schule „einer musste ja die Kleinen versorgen“. Nachbarn stellten manchmal heimlich – denn die Angst war groß - einen Topf Essen neben die Haustür….
Erst nach Wochen erfuhr die Familie, dass der Vater noch am Leben war.
Freundschaftliche Kontakte helfen Gesa, 1934 Papiere für ihren auf der Flucht befindlichen Onkel nach Dänemark zu schmuggeln. Dessen Sohn muss untertauchen, wird aber 1943 verhaftet, mit ihm Gesas Großeltern, ihr Vater und eine Tante.
Gesa, inzwischen bei der Luftwaffe dienstverpflichtet, versucht vergeblich, die Kontakte zum dänischen Widerstand wieder aufzunehmen. Ihr Mann stirbt als Soldat in Ostpreußen, die eben geborene Tochter stirbt bei Kriegsende. Ihre jüngere behinderte Schwester Irma wird aus den Alsterdorfer Anstalten nach Wien in die Tötungsanstalt „Am Spiegelgrund“ geschickt.
Diese Gesa Schneider, geborene Sperling, verwitwete Girlich, gab nicht auf. Die Lichtwarkschule hatte dem Arbeiterkind das nötige Rüstzeug mitgegeben, so konnte sie ein Anglistikstudium 1947 mit dem Examen abschließen und heiratete Karl Schneider, auch er seit 1933 im Widerstand. Nach sechs Jahren Haft und Bewährungsbataillon war er jetzt Sekretär der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten (AvS). Gesa und Karl zogen drei Kinder groß und nach Karls Tod im Jahre 1989 führte sie den Arbeitskreis „Sokratische Gespräche“ weiter, in seinem Sinne und in der Tradition des Philosophen Leonard Nelson.
Gesas Lebensgeschichte ist auch Geschichte unserer Partei, der SPD, sollte Mahnung und Ansporn für die Nachgeborenen sein.
